Stilmittel
Es gibt in der Malerei wie auch in der Fotografie viele verschiedene Stilmittel und „Ismen“ mit der sich Schärfe/Unschärfe erzeugen lässt.
Besonders fasziniert hat mich immer der Realismus in den Gemälden, wie exakt manche Künstler:innen Dinge wiedergeben können, sodass es scheint, die abgebildeten Objekte wären direkt aus der Realität auf die zuvor weiße Leinwand gewandert.
Epochen

Wie lässt sich (Un)schärfe definieren und wo kommt diese her? Wer hat sich zuvor mit solch einem umfangreichen Thema beschäftigt?
Wolfgang Ulrich befasst sich in seinem spannenden Beitrag “Unschärfe, Antimodernismus und Avantgarde” im vom Berliner Kunsthistoriker Peter Geimer herausgegebenen Buch “Ordnung der Sichtbarkeit, Fotografie in Wissenschaft Kunst und Technologie“ kurz mit diesem Thema. Folgt mir nun bei meiner kleinen Zeitreise durch die Literatur und Geschichte. Wo finden die Spuren der Unschärfe statt ? Wie steht P. Geimer zur Unschärfe laut seinem Artikel der oben genannt wurde?
Definition Unschärfe
Unschärfe gilt ihm als große Entdeckung des 19. Jahrhunderts und spiegle sich vor allem in der Fotografie wider. Wichtig in seiner Behandlung des Themas ist ihm auch die Frage, welche Funktion Unschärfe für den Kunstbegriff der vorletzten Jahrhundertwende, also vom 18. Auf das 19. Jahrhundert, besitzt. Er nennt auch verschiedene Typen von Unschärfe, bezieht sich aber in seinem Fall auf die “Weichzeichnerunschärfe” und vergleicht diese mit der Abstraktion.
Mimesis-Phänomen
Wolfgang Ulrich nennt auch das Mimesis-Phänomen, denn in der Norm gilt ein Bild als umso gelungener, je schärfer das Dargestellte zu sehen ist. Dies war auch bei den Griechen im Denken weit verbreitet. Die Qualität der Malerei wird über Jahrhunderte immer wieder in Analogie zur Qualität des Sehvermögens eingeschätzt und beurteilt, wie viele Details sind erkennbar und wie sehr entspricht es der gesehenen Realität. So wurde in der Renaissance versucht, die natürliche Grenze der Schärfe zu überwinden.
In dieser Zeit galt die Auffassung, dass im Paradies der Sehsinn viel feiner als üblich ausgeprägt ist und selbst aus einer großen Entfernung könne man Dinge noch scharf sehen.
Seit dem 18. Jahrhundert kam es in den gehobenen Ständen zu einer weit verbreiteten Augenglas–und Monokel-Mode. In einem früher publizierten Buch von Ulrich „Die Geschichte der Unschärfe“ das nicht in dem veröffentlichten Artikel im Buch aus dem Jahre 2002 stand, sondern 2009 veröffentlicht wurde finde ich wiederum einen spannenden Beitrag dazu.
Goethe
Ich habe erfahren, dass Goethe optische Hilfsmittel strikt ablehnte wie zum Beispiel Ferngläser oder Brillen und lässt über seine Roman Figur Wilhelm Meister äußern: „Ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden, daß diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen, keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben.Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist, denn sein äußerer Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt.
Goethe
Sooft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht; ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern, und ich lege die Gläser geschwind wieder weg …“
Durch Goethes Augen gesehen, wird die Welt durch ein Brillenglas als wirr und unruhig bezeichnet. Das scharf sehen bringt keinen Vorteil für ihn, sondern lässt seines Erachtens die Menschen an der Oberfläche der Dinge stehen.
So könnte man zu dem Schluss kommen, dass Unschärfe als Stilmittel, in dieser Zeit, mit der Angst vor dem Fremden definiert wurde.

Gerhard Richter
Ein für die Kunstgeschichte sehr bedeutsamer Künstler ist Gerhard Richter, er nützt die Fotografie als primäres Medium für seine Bildproduktion. Das Genre der Landschaft hat Richter schon in frühen Jahren, seit 1963, beschäftigt. Durch seine Verwischungen der Details. In seiner Ausstellung „Landschaft“ präsentiert er uns Gemälde über selbst aufgenommene Fotos oder welche, die eher zufällig in seine Hände gelangten. Hier beziehe ich mich bewusst auf seine Ausstellung im ehemaligen Bank Austria Kunstforum und dem dazu herausgebrachten Ausstellungskatalog von Ortner-Kreil.Betrachtet man seine Werke, dann ist nachvollziehbar, dass der Künstler als bildnerische Vorlage auf Fotografien zurückgegriffen haben muss. Die Werke stellen also genaugenommen keine Landschaften, sondern Fotografien von Landschaften dar. Der Künstler betont hier bewusst das technische Medium der Fotografie, indem er das gemalte Landschaftsbild als sekundär betrachtet und es gegenüber dem Medium Fotografie nicht vorzieht. Auch kann ein geschultes Auge in seinen Gemälden den Bezug zur Romantik sehen. Seine Farbwahl und Gestaltung erinnern stark an Caspar David Friedrich. Doch zugleich negiert er in seinen Bildern diesen Bezug, indem er jeglichen räumlichen Bezug wegnimmt. Charakteristisch für seine Gemälde ist, dass er keinen richtigen Bezugspunkt erkennen lässt.
Ob klein – oder großformatige Ausstellungsstücke, sie alle beeindrucken stark. Mit Hilfe von Fotos, Fotocollagen, oder auch übermalten Fotos entstehen bei Gerhard Richter neue Kunstwerke. Durch seine Arbeitstechnik frage ich mich als Betrachter seiner Werke ständig, ob ich nicht vor einem unscharfen Foto stehe, um dann festzustellen, dass es doch ein Gemälde ist. Gerhard Richter ist in erster Linie Maler, in zweiter Fotograf.
Das Foto ist das perfekteste Bild; es ändert sich nicht, es ist absolut, also unabhängig, unbedingt, ohne Stil. Es ist mir deshalb in der Weise, wie es berichtet und was es berichtet, Vorbild.
Gerhard Richter
Ich verwische, um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig und gleich unwichtig. Ich verwische, damit es nicht künstlerisch-handwerklich aussieht, sondern technisch, glatt und perfekt. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinander rücken Ich wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Information aus.
Mein Fazit zu Gerhard Richter ist, dass er in seinen Arbeiten auch Fotografien mit einbezieht, meist werden Konturen aufgelöst und kein klarer Raumbezug hergestellt. Er nennt die Unschärfe in seinen Gemälden ein Verwischen der Details. Er ist Künstler und arbeitet gezielt mit Unschärfe, in seinen Gemälden, die in Museen und Ausstellungsräumen, der ganzen Welt zu finden sind. Als regelmäßiger Besucher von Ausstellungen und Jahreskarten Besitzer diverser kultureller Einrichtungen, ist für mich persönlich der Höhepunkt seiner fiktionalen Landschaftsbilder das 1970 entstandene Werk „Seestück“, auch „See-See“ genannt. Auch hier dienten zwei Fotos als Vorlage. Die zwei Meeresbilder wurden so zusammengefügt, dass sie sich im Horizont treffen und diesen gleichzeitig schneiden. Wer vor dem Werk steht, könnte meinen, eine Fotografie zu sehen, jedoch ist ein neues Landschaftsgemälde aus zwei Meeresbildern entstanden, wobei eines um 180 Grad gedreht, über das andere positioniert wurde. Auch hier entsteht eine gewisse Ambivalenz zwischen Schärfe und Unschärfe.
(Un)schärfe als Stilmittel
Die (Un)Schärfe als Stilmittel in der Kunst zieht sich meines Erachtens durch den gesamten Verlauf der Kunstgeschichte. Man denke an die Menschen in der Steinzeit, die auf der Höhlenwand mit wenigen Strichen Tiere oder Jagdszenen vereinfacht darstellen konnten. Die Griechen ließen lebensgroße Plastiken anfertigen, genauso wie sich die römischen Herrscher in detaillierten Büsten lebensecht für dynastische Zwecke Abbilden ließen. Mit der Renaissance und der aufkommenden Zentralperspektive fanden die Künstler:innen neue Wege, in die räumliche – realistischer wirkende Darstellungsweise, in ihren Kunstwerken zu gelangen. Die Übergänge waren keineswegs fließend. In der Romantik, besonders Caspar David Friedrich, hebt sich mit seinem besonderen Stil von den üblichen Klischees ab. In der Moderne gibt es die Gattung des französischen Impressionismus. Hier wird im gesamten Bild nichts mehr scharf abgebildet, genauso wie im Pointillismus erst durch die Hand der Künster:innen und dem zusammenfügen tausender geometrisch-durchkomponierten-ornamental wirkender Punkte, für den Betrachter ein sinnenhaftes Bild entsteht. Mit dem Aufkommen der Fotografie und des damit neuen Verfahrens stößt man auf einige Probleme. Es wird auf bekannte Stillmittel der Malerei zurückgegriffen, um die neue Methode „Fotografie“ erklären zu können. Zu Beginn wird noch mit Licht gemalt. Denkt man an die Camera Obscura, gilt diese als Metapher für die Menschliche Wahrnehmung und für die Herstellung von den ersten, mit Licht gezeichneten, Bildern. Erst einige Zeit später wird an dem Entwicklungsverfahren und dem Medium der Fotografie selbst geforscht. Die ersten Kameras haben keineswegs scharfe oder unscharfe Fotos geliefert. Es war ein ständiger Weiterentwicklungsprozess der durchlaufen werden musste, denn erst durch die Modernisierung der Kameras, den Objektiven, der dazugehörigen Belichtungszeit und Blende, entstanden Aufnahmen, die wir unter diesen Merkmalen beurteilen zu versuchen können. Also steht die (Un)Schärfe im engen Zusammenhang mit der Beschreibung eines Ausdruckes des Kunstschaffenden.
Wahrnehmung

Bei meiner Recherche zur (Un)schärfe ergaben sich viele Unterfragen, sowie Überlagerungen mit anderen Kunstgattungen. Einige Autoren befassten sich mit diesem Thema, besonders im Kunstdiskurs finden sich Theorien, die sich gezielt mit Schärfe und Unschärfe befassen. In meiner kurzen wissenschaftlichen Aufarbeitung des breit gefächerten Themas wollte ich auch den stetig mitschwingenden Teil der Malerei miteinbeziehen. Viele Künstler:innen arbeiten mit dem Medium der Fotografie und verbinden diese auf bemerkenswerte weise mit der Malerei oder kombinieren sogar beides in ihren Werken. Die (Un)schärfe beginnt mit der Fotografie auf einem Höhepunkt angekommen zu sein. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Wahrnehmung hier eine besondere Bedeutung einnimmt. Anhand eines geschulten Auges lassen sich ganze Epochen oder Stile damit definieren und beschreiben. Dichter vergangener Zeiten ziehen es vor lieber unscharf als scharf zu sehen. Hingegen kommt die noblere Gesellschaftsschicht in den Genuss von optischen Hilfsmitteln und kann sich die ersten fotographischen Apparate leisten. Viele Faktoren können unsere Wahrnehmung beeinflussen und/oder spielen gezielt mit ihnen.
Impressionen






Schreibe einen Kommentar