Kolumne #5: For immer

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Oder: Wie man dieselbe Sprache spricht und trotzdem das Gegenteil versteht

Über den größten Übersetzungsfehler in meinem Leben

Und warum „Die Liebe muss sich entwickeln“ fast das vermeintliche Ende einer Beziehung wurde.

Als ich Ahmad kennengelernt habe, war ich vorsichtig. Nicht, weil ich ihn nicht mochte. Eher das Gegenteil. Ich mochte ihn genug, um nicht sofort große Worte zu benutzen. Wenn man lange genug lebt, lernt man, dass manche Gefühle schneller sind als die Realität. Deshalb habe ich ihm relativ früh gesagt:

Die Liebe muss sich entwickeln.

Für mich war das ein romantischer Satz. Vielleicht sogar der Romantischste, den ich zu diesem Zeitpunkt sagen konnte. Ich meinte damit: Ich bin da.
Ich will schauen, wohin das führt. Ich nehme das ernst. Vielleicht wird daraus die große Liebe.

Die große Liebe

Große Liebe ist meiner Meinung nach nichts, was vom Himmel fällt. Sie entsteht. Tag für Tag. Ahmad hat etwas völlig anderes gehört. Er hatte sich bereits verliebt. Nicht irgendwann. Nicht schrittweise. Sofort. Auf den ersten Blick. Für ihn klang mein Satz offenbar eher wie: Mal schauen. Vielleicht. Wir werden sehen. Keine Garantie.

Sprachbarrieren

Das Problem an Sprachbarrieren ist, dass sie nicht immer dort auftreten, wo man sie vermutet. Wenn jemand „for diese“ sagt, merkt jeder sofort, dass etwas verloren gegangen ist. Wenn zwei Menschen über Liebe reden, merkt es oft niemand. Dann benutzen beide dieselben Wörter und verstehen trotzdem etwas völlig anderes.

Ich dachte, ich drücke Ernsthaftigkeit aus. Er dachte, ich halte mir eine Hintertür offen. Ich dachte, wir gehen langsam in dieselbe Richtung. Er dachte, ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt mitgehen will.

Das Dating-Profil

Irgendwann machte er sich ein Dating-Profil. Nicht, weil er mich nicht mochte. Nicht, weil er jemand anderen suchte. Sondern weil er glaubte, dass ich vielleicht gar nicht dasselbe wollte wie er. Damals habe ich das nicht verstanden. Als ich es später entdeckt habe, war meine Interpretation nämlich genauso falsch wie seine vorher.

Für mich war das Dating-Profil ein Beweis. Ein Beweis dafür, dass ich ihm nicht genug bin. Ein Beweis dafür, dass er sich nicht festlegen will. Ein Beweis dafür, dass ich mich getäuscht habe. Menschen lieben Beweise. Vor allem für Dinge, vor denen sie Angst haben.

Ich war lange eifersüchtig. Viel länger, als ich zugeben wollte. Nicht wegen des Profils selbst. Sondern wegen der Geschichte, die ich mir darüber erzählt habe. Die Geschichte lautete: Wenn er mich wirklich lieben würde, gäbe es dieses Profil nicht.

Miteinander sprechen

Irgendwann haben wir darüber gesprochen. Richtig gesprochen. Nicht mit Vermutungen. Nicht mit Übersetzungen. Nicht mit Geschichten, die wir uns im Kopf ausgedacht hatten. Sondern miteinander. Und plötzlich stellte sich heraus, dass wir beide dieselbe Zukunft wollten. Die ganze Zeit. Er wollte heiraten. Ich wollte heiraten. Er wollte etwas Dauerhaftes. Ich wollte etwas Dauerhaftes.

Er hatte Angst, dass ich es nicht ernst meine. Ich hatte Angst, dass er es nicht ernst meint. Wir standen auf derselben Seite und waren trotzdem überzeugt, dass der andere auf der Anderen steht.

Vielleicht sind das die gefährlichsten Sprachbarrieren. Nicht Deutsch und Arabisch. Nicht Grammatik und Vokabeln. Sondern die kleinen Unterschiede zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gehört wird.

Zwischen „Liebe muss wachsen“ und „Ich bin mir nicht sicher“. Zwischen einem Dating-Profil und einer Trennung, die nie stattgefunden hat. Zwischen zwei Menschen, die eigentlich dasselbe wollen.

Übersetzungsfehler

Heute denke ich manchmal an unser erstes Missverständnis zurück. Ich muss darüber lachen. Nicht, weil es lustig war. Damals war es das überhaupt nicht. Sondern weil es zeigt, wie seltsam Kommunikation eigentlich ist. Man kann einem Menschen sagen: „Ich glaube, das könnte die große Liebe werden.“ Und er hört: „Vielleicht eher nicht.“

Man kann dasselbe Ziel haben, dieselben Hoffnungen, dieselben Pläne. Und trotzdem monatelang glauben, man wäre sich uneinig.

Ahmad sagt manchmal noch immer „for diese“. Und manchmal sagt Ahmad etwas, das ich erst beim zweiten Mal verstehe. Aber inzwischen weiß ich: Die größten Übersetzungsfehler passieren nicht zwischen Sprachen. Sondern zwischen Herzen.

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